Verlust an genetischer Vielfalt ist eines der Hauptprobleme der modernen Rassehundezucht.
(Prof. Sommerfeld-Stur 1)
Was ist eine Veredelungskreuzung?
Bei einer Veredelungskreuzung handelt es sich um eine „Blutauffrischung“ mit dem Ziel, die genetische Vielfalt zu erhöhen. Es erfolgt dabei die dosierte Einkreuzung einer fremden Rasse -die neues Genmaterial einbringen soll- mit anschließender Rückzüchtung. Die Eigenschaften der Ausgangsrasse bleiben durch die Rückzüchtung erhalten.
Warum sind Blutauffrischungen bei (fast) allen Rassehunden notwendig?
Nahezu jeder Rassehund wurde auf nur wenigen Ausgangstieren gegründet - viele Rassen wurden auf nur einer handvoll Tieren aufgebaut. Alleine schon daher ist das "genetische Fundament" sehr dünn. Durch Inzest und Inzucht hat man ein bestimmtes Rassebild „kreiert“, wodurch es zu einem weiteren massiven Genverlust gekommen ist. Die Zuchtbücher wurden geschlossen, sodass die meisten Rassen bis heute in genetisch isolierter Population "rein" gezüchtet werden. Dieses Reinzucht-System führt zu einem stetigen Genverlust mit allen negativen Folgen.
Zugleich offenbaren diese Reinzuchtideologen eine totale Unkenntnis positiver Heterosiswirkungen bei passigen Rassenkreuzungen - oder wollen sie nicht wahrhaben.
(Prof. Wegner 2)
Was sind die Folgen?
Die Folgen dieses unnatürlichen Zuchtsystems verspüren unsere Rassehunde heute mehr denn je: Viele Rassen sind genetisch massiv verarmt. Der Inzuchtpegel ist bei sehr vielen Rassen enorm hoch – bei manchen Rassen sind die Hunde untereinander bereits näher miteinander verwandt als Vollgeschwister!
Die Folgen: Geringe Vitalität & Fitness, sinkende Lebenserwartung, Zunahme von Erbkrankheiten usw.. Man spricht dabei auch von Inzuchtdepression.
Aus genetischer Sicht hat bei pessimistischer Betrachtungsweise die Rassehundezucht,
wie sie heute betrieben wird, keine Zukunft.
(Prof. Sommerfeld-Stur 3)
Was bewirkt die Blutauffrischung?
Durch die Einkreuzung gelangen neue Gene in eine Rasse (steigende Heterozygotie), wodurch der gesamte Organismus besser funktioniert.
Der positive Effekt: Verbesserte Vitalität / Fitness, höhere Lebenserwartung, bessere Widerstandskraft, weniger Erbkrankheiten. Die Nachkommen profitieren von der Kreuzungsvitalität (Heterosiseffekt).
Gibt es Alternativen, um neues Genmaterial einzubringen?
Wenn der Gesamtinzuchtpegel innerhalb einer Rasse bereits zu hoch ist, ist die Verbesserung der genetischen Situation in der geschlossenen Population nicht zielführend. Es gibt Rassen, die einen so hohen Inzuchtpegel in der weltweiten Population aufweisen, dass jede Verpaarung einer Vollgeschwisterverpaarung entspricht. Insofern nützt es in solchen Fällen nichts, wenn eine Hündin aus deutscher Zucht von einem Rüden aus den USA gedeckt wird, zumal die genetische Vielfalt schlichtweg erschöpft ist.
Mit jeder neuen Generation ist bei Rassehunden mit einer Verschlechterung
der genetischen Situation zu rechnen.
(Dr. Wachtel 4)
Ist die Blutauffrischung nur bei seltenen Rassen notwendig und sinnvoll?
Insbesondere seltene Rassen sind von genetischer Verarmung betroffen.
Der Genetiker Dr. Calboli hat in seiner wissenschaftlichen Studie nachgewiesen, dass sich auch populäre Rassen auf extrem schmalem Grat bewegen:
In dieser Studie werden Angaben über die sog. "effektive Populationsgröße" gemacht. Die effektive Populationsgröße ist ein Wert, der eine Aussage über die Überlebenswahrscheinlichkeit einer Rasse macht (<50: Rasse wird in absehbarar Zeit aussterben, wenn kein frisches Blut zugeführt wird / <200: stark gefährdete Rasse / <500: gefährdet, dringend Zuchtmaßnahmen erforderlich)
Werte zur effektiven Populationsgröße aus der Studie:
Boxer: 45
English Bulldog: 48
Golden Rteriever: 67
Dt. Schäferhund: 76
English Springer Spaniel: 72
(Dr. Calboli, Population Structure and Inbreeding From Pedigree Analysis of Purebred Dogs, 2008)
Die meisten untersuchten Rassen zeigten Werte zwischen 40-80! Seltene Rassen weisen oftmals noch geringere Werte auf (Toller:18).
Anmerkung: Nutztiere werden auf die "Rote Liste gefährdeter Rassen" gesetzt, wenn die effektive Populationsgröße unter 500 sinkt!
Außerdem wird in dieser Studie nachgewiesen, dass viele der untersuchten Rassen in den vergangenen 40 Jahren 90% ihrer Gene verloren haben. Kein Wunder, dass die Rassehunde immer krankheitsanfälliger werden!
Kreuzungen stehen am Anfang vieler, wenn nicht fast aller Hunderassen.
(Dr. Wachtel 5)
Verändert sich das Rassebild nach einer Einkreuzung?
Sicherlich ist es so, dass zumindest ein Teil der Hunde in den ersten Generationen vom Typ der Ausgangsrasse abweicht. Insbesondere das äußere Erscheinungsbild hat eine hohe Vererblichkeit, wodurch man innerhalb weniger Generationen im Rahmen der Rückzüchtung wieder absolut „typische“ Hunde züchten kann. Das beweisen auch Beispiele von Einkreuzungen, wonach bereits Hunde aus zweiter Generation Shows gewinnen, Hunde aus dritter Generation Champion-Titel erhalten und somit dem Idealbild ihrer Rasse in besonderem Maße entsprechen!
Die Veredelungskreuzung hat nicht das Ziel, einen Rassetyp zu verändern - die Rassenmerkmale sollen erhalten bleiben.
Bei allen züchterischen Erwägungen um den Erhalt der Rassestandards muss das
Wohl der Hunde eindeutig im Vordergrund stehen.
(Prof. Pfenninger)
Die Vorteile der Veredelungszucht sind seit Jahrzehnten bekannt – warum scheuen trotzdem viele Rassehundezüchter solche Blutauffrischungen?
Die Rassehundezucht ist leider sehr ausstellungsorientiert (Gesundheit & Wesen werden in der Zucht oft nur ungenügend berücksichtigt). In Züchterkreisen ist der „Schönheits-Champion“ der wertvolle Hund. Solche Champions stehen hoch „im Kurs“ - sie werden sehr häufig zur Zucht eingesetzt (Popular Sires). Bei einigen Rassen deckt ein einziger Rüde 50-100 Hündinnen pro Jahr. Auch die Zuchtvereine verdienen ihr Geld mit den Shows – in den großen Verbänden ist es ein Millionengeschäft!
Durch Einkreuzung einer fremden Rasse würden die Züchter zumindest kurzfristig einen "Rückschritt" in Sachen Ausstellungserfolge verzeichnen – die „Championzucht“ wäre vorerst nicht möglich… Und auch den Verbänden würde durch das Fernbleiben der Aussteller Geld in der Kasse fehlen.
Dies sind sicherlich Beweggründe, weshalb die meisten Züchter ihre Rasse „rein“ halten möchten und Einkreuzungen strikt ablehnen, wenngleich es so möglich wäre, gesündere Hunde zu züchten. Reinrassigkeitsfanatismus, "Schönheitswahn" (Rassestandards), Profitgier, Arroganz und Ignoranz behindern leider in zu vielen Fällen die Zucht gesunder Hunde.
Sogar solche Züchter, die (…) eher stürben, als dass sie die Einkreuzung eines nicht bis ins
hundertste Glied reinrassigen Tieres zuließen oder verschwiegen, finden es keineswegs
unethisch, mit (…) defekten Tieren zu züchten.
(Prof. Lorenz 5)
Was sagen Wissenschaftler?
Wissenschafter, Tierschützer und besorgte Hundezüchter schlagen Alarm: Die Rassehundezucht steuert auf eine Katastrophe zu, wenn kein radikales Umdenken stattfindet! Ein Teil der Rassehunde wird sogar nach Aussage von Populationsgenetikern und Biologen aussterben, wenn kein Genfluss von außen erfolgt.
Stimmen aus der Wissenschaft:
Bei den heute bereits etablierten Rassen sind die Zuchtbücher meist geschlossen. Es wird nur Nachzucht darin registrierter Tiere anerkannt, so gibt es derzeit hunderte isolierte Fortpflanzungs-Gemeinschaften, die z.T. auch nur aus einer sehr kleinen Anzahl Individuen bestehen. Sie erhalten keine Blutauffrischung mehr, als wären es Tiere auf einer Insel. (Dr. Wachtel 5)
Eine moderne Hunderasse entspricht heute schon genetisch einer Großfamilie mit eng verwandten Mitgliedern. (Dr. Wachtel 5)
Ich habe Abstammungsnachweise gesehen, die dokumentieren, dass enge Verwandte verpaart wurden. Wenn ich als Genetiker mit einer solchen Zucht beauftragt wäre, würde ich, aufgrund des vorhandenen genetischen Wissensstandes, mit einer Anzeige zu rechnen haben. Wie lange noch können sich Züchter zur Verteidigung gegen die Anschuldigung, defekte Produkte zu liefern, auf Unwissenheit berufen? (Prof. Beilharz 5)
Wenn wir Hunde haben wollen, bei denen Erbkrankheiten seltener auftreten, die lange leben, ein ausgeglichenes Verhalten und gute Widerstandsfähigkeit zeigen, sollten wir von der Heterosiszucht Gebrauch machen. (Dr. Wachtel 5)
Man kann eine Tierart oder Rasse züchterisch nur richtig betreuen, wenn man die Grundzüge der Genetik einschließlich der Populationsgenetik kennt und anzuwenden bereit ist. (Sachverständigengruppe; Auslegung des Deutschen Tierschutzgesetzes)
Aus sachlicher Sicht gibt es somit keine wirklich berechtigten grundsätzlichen Argumente gegen Einkreuzungen. Im Interesse der Gesundheit von Rassehunden sollten sie daher immer dann in Betracht gezogen werden, wenn die genetische Varianz einer Population erschöpft ist bzw. wenn gesundheitliche Probleme einer Rassepopulation durch andere Maßnahmen nicht mehr unter Kontrolle zu bringen sind. Dogmatische Ablehnung jeder Art von Einkreuzungen durch Züchter und Zuchtverantwortliche erscheint jedenfalls im Sinne der von Zuchtverbänden durchwegs als eines der wichtigsten Ziele geäußerten Intention zur Zucht gesunder Rassehunde kontraproduktiv und ungerechtfertigt. (Prof. Sommerfeld-Stur, http://sommerfeld-stur.at/population/kreuzungen)
Quellenangabe:
1 Unser Toller, 01/2010
2 Kleine Kynologie, Terra-Verlag
3 Der Hund, 5/1994
4 Der Hund, 9/2011
5 Hundezucht 2000, Kynos Verlag