Nova Scotia Duck Tolling Retriever

von der Lindenfahrt

 

 

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Populationsgenetik – mit spezieller Ausrichtung auf den Toller

 

In einem Ausmaß wie noch nie zuvor ist seit kurzer Zeit das Thema „Populationsgenetik“ (nicht nur in Tollerkreisen) in aller Munde – Anlass hierzu waren sicherlich nicht zuletzt (Toller-spezifische) populationsgenetische Studien, wissenschaftliche Erkenntnisse und eine öffentlichkeitswirksame Thematisierung, um nur die BBC-Reportage „Pedigree Dogs Exposed“ zu erwähnen.

 

Die Rassehundeclubs müssen in Zukunft sicherlich ihre Ziele und Wege überdenken. Ein Umschwung hat bereits stattgefunden – ob dies letztlich durch öffentlichen Druck oder „Selbsterkenntnis“ geschehen ist, kann im Prinzip egal sein. Wichtig ist, dass neue Wege eingeschlagen werden! Und wenn einer der größten & einflussreichsten Rassehundeclubs die Kampagne  „Fit For Function: Fit For Life“ ins Leben ruft und mit  „to see, breathe and walk freely“ eine Wende einleitet, dann zeigt dies, dass sich die Rassehundezucht in den vergangenen Jahrzehnten nicht unbedingt auf dem besten Weg befand.

Qualzucht, bedingt durch verschiedene Rassestandards und Übertypisierungen (Atemnot durch Brachycephalie etc.), waren eine Folge. Es sind jedoch nicht nur solche anatomischen Übertreibungen und Missbildungen als Qualzuchtmerkmale anzusehen – nach dem deutschen Tierschutzgesetz erfüllt auch Inzucht diesen „Tatbestand“ (vgl. Wachtel), denn:

Eine Reduktion der genetischen Varianz trägt zumindest langfristig zur Vitalitätsminderung bei und steht im absoluten Gegensatz zur Gesunderhaltung unserer Rassehunde.

 

Wegen speziellen Fragestellungen aus dem Bereich der Populationsgenetik (den Toller betreffend), habe ich mich erstmals 2005 mit der Wiener Genetikerin Frau Prof. Sommerfeld-Stur in Verbindung gesetzt. Seitdem besteht ein intensiver Austausch mit der Wissenschaftlerin.

Dass es sich beim Toller um eine Rasse mit kleinem Genpool handelt ist keine Neuigkeit. Und dass es eine Hauptaufgabe vor allem auch der Zuchtvereine/ Züchter sein sollte, sich um eine genetische Vielfalt zu bemühen, müsste auch klar sein.

Maßnahmen, die hierzu ergriffen werden können (Decksprunglimitierung usw.), habe ich in Zusammenarbeit mit Frau Prof. Sommerfeld-Stur bereits in der ersten Zuchtordnung des Nova Scotia Duck Tolling Retriever Club Deutschland e.V. ausgearbeitet. Die betreffenden Punkte haben nach wie vor Bestand.

Empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang, einen möglichst niedrigen Inzuchtkoeffizienten  bei gleichzeitiger Beachtung sonstiger Selektions- bzw. Kombinationskriterien anzustreben.

 

Im Winter 2007/2008 habe ich Herrn Prof. Dolf Gaudenz (Institut für Genetik - Vetsuisse Fakultät / Universität Bern) wegen Fragen zu Inzuchtverhältnissen beim Toller kontaktiert. Es ging genau um die Aspekte, die Dr. Katariina Mäki (s.u.) in Ihrer Arbeit aufgegriffen hat. Prof. Dolf Gaudenz hatte damals mit der Bearbeitung begonnen, konnte sie jedoch aus zeitlichen Gründen leider nicht fortsetzen.

 

Überaus interessant sind die Studien der finnischen Wissenschaftlerin Katariina Mäki „Pedigree-based genetic diversity of worldwide Nova Scotia Duck Tolling Retriever and Lancashire Heeler dog populations“, als auch die Studie von Wibe et al. MHC class II polymorphism is associated with a canine SLE-related disease complex”.

 

Da ich  Mäkis Ergebnisse für sehr interessant, wichtig und wegweisend erachte, möchte ich diese hier auszugsweise aufgreifen:

Mäki beschreibt, dass die schwerwiegendsten Probleme beim Toller im Bereich der Autoimmunerkrankungen liegen. Auch Wilbe (et al.) hält fest: „Dogs from this breed have, in recent years, been shown to be highly susceptible to develop a SLE-related disease complex comprising immune-mediated rheumatic disease (IMRD) and steroid-responsive meningitis–arteritis (SRMA). (…) NSDTRs also seem to be over-represented for the disease SRMA, which has also been suggested to be an immune-mediated condition. (…) Other immune-mediated conditions, such as Addison’s disease have also been reported in high frequencies in NSDTR.” (MHC class II polymorphism is associated with a canine SLE-related disease complex, Wilbe et al., Springer-Verlag 2009, Immunogenetics, S. 558)

Mäki führt in ihrer Studie auf, dass Toller bereits enger als Geschwister miteinander verwandt sind (Inzuchtkoeffizient: 26 %)! Obwohl sich der „Inzucht-Trend“ beim Toller in den vergangenen Jahren stabilisiert hat, ist Mäki der Überzeugung, dass sich diese Entwicklung künftig nicht fortsetzen wird, sofern der Population kein neues Genmaterial durch Einkreuzung zugeführt wird.

Die oben beschriebene Kombination von Inzuchtkoeffizient und Autoimmunerkrankungen ist ganz sicher als „Alarmsignal“ zu interpretieren!

 

Bewegt man sich weiterhin in der „geschlossenen“ Tollerpopulation, bin ich der festen Überzeugung, dass nicht einmal ein weltweites Zuchtprogramm (was ohnehin utopisch ist), welches alle Maßnahmen zur Verbesserung der genetischen Vielfalt berücksichtigt (Decksprunglimitierung, strategische Anpaarungen etc.), zu einer entscheidenden Verbesserung der Situation führen könnte.

 

Aufgrund dieser äußerst bedenklichen Situation sehe ich den Toller als eine Rasse, bei der unbedingt eine Einkreuzung vorzunehmen ist. Umzusetzen ist dies nach meiner Einschätzung nur in enger Zusammenarbeit mit Genetikern – es sollte außerdem eine länder- und vereinsübergreifende Zusammenarbeit erfolgen. Sicherlich ist es so, dass jede Einkreuzung auch Risiken in sich birgt - im schlimmsten Fall gelangen neue Defektgene in die Population. Aufgrund dessen ist ein strategisches Vorgehen mit wissenschaftlicher Begleitung ein absolutes Muss.

 

2007 habe ich mich erstmals mit Frau Prof. Sommerfeld-Stur über die Einkreuzung fremder Rassen beim Toller ausgetauscht und damals folgende Antwort erhalten: „Ihre Überlegung hier Abhilfe durch Einkreuzung anderer Rassen d.h. also eine Öffnung des Zuchtbuches zu schaffen halte ich für durchaus sinnvoll.“

Ein weiterer Austausch zu diesem Thema erfolgte mit Dr. Hellmuth Wachtel, Prof. Dolf Gaudenz, Prof. Hannes Lohi, verschiedenen Tollerzüchtern, My Skold (Organisatorin einer weltweiten Toller-Datensammlung) und -nach Erhalt der Studie- auch mit Dr. Katariina Mäki.

 

Insbesondere die Studie von Mäki, die das Dilemma deutlich anzeigt, sollte einen entscheidenden Anstoß zu der unbedingt notwendigen Einkreuzung geben!

Die „Lage“ ist eindeutig! Wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien liegen vor! Und die wissenschaftliche Begleitung eines solchen Zuchtprogramms wurde mir von verschiedenen oben genannten Experten zugesichert! Nun ist es an der Zeit zu handeln und weitere Schritte in die Wege zu leiten!

 

 

            © Alexander Däuber

 

Literatur:

 

Eichelberg, H. (Hrsg.): Hundezucht – Erfolgreich züchten auf Gesundheit, Leistung und Aussehen. Franckh-Kosmos Verlag.

 

Mäki, K.: Pedigree-based genetic diversity of worldwide Nova Scotia Duck Tolling Retriever and Lancashire Heeler dog populations.

 

Wachtel, H.: Hundezucht 2000. Kynos Verlag.

 

Wibe, M. et al.: MHC class II polymorphism is associated with a canine SLE-related disease complex. Springer-Verlag 2009, Immunogenetics, S. 558-564

 

 

Links:

 

BBC-Reportage „Pedigree Dogs Exposed“:

http://vids.myspace.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=44215931

 

Zuchtprogramm des Genetikers Dr. Bruce Cattanach:

http://www.steynmere.com/GENETICS.html

 

Prof. Sommerfeld-Stur / Hundezucht, Genetik:

http://www.sommerfeld-stur.at/home